Archetypen der griech. Mythologie

 

Info: Aufstellen von Archetypen der griechischen Mythologie

Dimitris Stavropoulos, Dina Kimba:
Aufstellen griech. Mythen / Gruppenresonanzmethode

Was sind „Mythen-Aufstellungen“?
Die Griechen Dimitris Stavropoulos und Dina Kamba, die seit Jahren das Aufstellen griechischer Mythen im Griechischen Bert Hellinger Institut für systemische Aufstellungen in Athen erforschen, haben die Epen, Mythen und Tragödien der Antike systemisch „nachgelesen“ und konnten dabei archetypische Verstrickungen des Familiensystems und von Großsystemen (Staaten, Kulturen, Religionen, Geschlechter etc.) aufdecken. Diese Grundmuster kannten bereits die Griechen der Antike und verarbeiteten sie in Dichtungen und im Theater. Bereits das antike Theater zielte auf Lösung von Verstrickungen und Heilung. Es arbeitete mit der Anteilnahme (Methexis) und der Katharsis (Seelenläuterung), um die Zuschauer mit der verborgenen Ordnung zu verbinden. So kann das antike Theater als Vorläufer der modernen Aufstellungen betrachtet werden.

Ödipus und die Sphinx. Ödipus ist ein Archetyp für die Auflehnung gegen das Schicksal und für den Prozess der Schicksalsannahme



Mythen-Aufstellungen“ zeigen die Schicksalszwänge, welche uns in Schicksalsgemeinschaften auferlegt werden, und „es wird der mögliche Spielraum zur Schicksalsänderung deutlich, der letztlich über die Annahme des Schicksals führt“ (D. Stavropoulos). Wir erkennen in den Tragödien, dass das Tragische durch Auflehnung gegen das Schicksal entsteht: Deutlich wird dies an Ödipus vorgeführt, der gerade wegen seiner Auflehnung gegen das vom Orakel in Delphi prophezeiten Schicksal zum Vatermörder wird. Was wäre geschehen, wenn er sein Schicksal angenommen hätte?
In der Seelenbewegung zeigen sich Lösungen, die die Stellvertreter durchleben. Die Antike kannte als Lösung die Bestrafung oder die Sühne durch den ordnenden Eingriff der Götter. In den „Mythen-Aufstellungen“ erfahren wir ganz neue Dimensionen der Lösung, wenn die verborgenen Ordnungen der Liebe und des Geistes ans Licht kommen und uns in die Tiefen unserer Existenz blicken lassen. Wir begegnen dem Schicksal, Gottheiten, der Familie, dem Krieg, dem Mann, der Frau, dem Paar, dem Helden, der Geburt und dem Tod, und lösen und heilen uns durch Annahme. Wir erfahren uns auch mit unseren Einzelschicksalen in diese Bewegungen eingebettet.
 

Opferung der Iphigenie. Iphigenie als Archetyp der Vater-Tochter-Verstrickung. Die Tochter glaubt, für ihren Vater ein Opfer bringen zu müssen.



Bei „Mythen-Aufstellungen“ wurde eine neue Methode entwickelt, die der Allgemeingültigkeit von Mythen entspricht: Es ist die „Gruppenresonanzmethode“, bei der zu Beginn der Aufstellung nur einige wenige Stellvertreter für die Hauptpersonen aufgestellt werden, die zu agieren beginnen. Nach und nach werden immer mehr Teilnehmer vom Seelenfeld „gerufen“, so daß sich die archetypische Seelenbewegung auf ihre eigene, von den Leitern unabhängige Weise entwickeln kann (u.U. auch ganz unabhängig von der überlieferten Mythologie). Es wird spürbar, wie sich das Aufstellungsfeld über die anfänglichen Stellvertreter hinaus erweitert. Viele Teilnehmer werden derart stark erfasst und in die Bewegung gezogen, wie es die Stellvertreter bei Familienaufstellungen kennen.
 

Odysseus und die Sirenen. Die Odyssee als lang andauernder Rückweg von der Kriegshybris (Trojanischer Krieg) zum Frieden.



Beispiel
Besonders interessant ist dabei, wer in welche Position gerufen wird. Das archetypische Seelenfeld scheint die zu rufen, deren individuelles Thema sich dazu in Resonanz befindet, wie dies von allen Beteiligten beschrieben wird. Ich war selbst bei der Aufstellung der Ilias und Odyssee anwesend und wurde plötzlich vom „Krieg“ gerufen. Ich konnte es nicht ablehnen. Jeder Widerstand war zwecklos und ohnmächtig und weinend trat ich in den Krieg ein, fühlte mich als eine Stadt, die durch Bündnisverpflichtungen in den Krieg treten mußte – mit all den damit verbundenen Schmerzen. Ich war Opfer und Täter gleichzeitig und trat den Gang wie zum Schafott an. Zuerst noch niedergeschmettert wuchs meine Kraft, als Odysseus‘ Mut mich stärkte und dann auch die Göttin der Gerechtigkeit mir die verborgene Liebe hinter der Täter/Opfer-Dramatik spüren ließ. Ohne genau zu wissen, wie es geschah, änderte sich in meinem Inneren etwas: Nachdem mich die durch den Krieg tanzende Liebe noch zusätzlich inspirierte, war ich „Mitgefühl“, wurde selbst zum schützende Baum für die Hilfesuchenden. Als der „Krieg“ wieder vor mich trat, hatte er seine Furcht einflößende Macht verloren. Diese Aufstellung hat mich bei meiner individuellen Täter/Opfer-Thematik in eine heilsame Lösung geführt und mir gezeigt, wo ich Kraft für eine Lösung finden kann: Beim nicht urteilenden mutigen Mann, bei der Essenz von Gerechtigkeit, die ebenfalls nicht urteilt, und bei der Liebe. 

In dieser Weise verbinden sich individuelle und archetypische Themen, kommen in Bewegung und drängen selbständig zur Lösung. Alle Seminarteilnehmer beteiligen sich gleichwertig, sind gleichwertig in der Seelenbewegung, lösen „ihr“ Thema und erfahren die archetypische Dimension darin, die über das individuelle Schicksal hinausgeht.

Weiterführende Artikel finden Sie in der Zeitschrift „Systemische Aufstellungspraxis“ Nr. 3/2004 (www.aufstellungspraxis.de)
 

Laurenz Hildebrandt - 75217 Birkenfeld - Tel: 07231-4409574 - e-mail: laurenz.hildebrandt@t-online.de
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